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2. stock süd gestaltungsbetrieb, biel

gestaltung ist weder unanständig noch elitär

Erstmals in der 76-jährigen Geschichte des Art Directors Club New York waren zwei Schweizer in der internationalen Jury, die die weltweit besten grafischen Arbeiten auszeichnet, vertreten: Andreas Netthoevel und Martin Gaberthüel vom 2. stock süd aus Biel. Das «Bieler Tagblatt» hat mit ihnen kurz vor ihrem Abflug nach New York zur ADC-Preisverleihung gesprochen.
bieler tagblatt: Andreas Netthoevel und Martin Gaberthüel, euer Gestaltungsbetrieb 2. stock süd ist im Bereich von Gesamtkonzeptionen und deren visueller Umsetzung in der Kommunikation tätig. Wenn in New York die besten grafischen Arbeiten ausgezeichnet werden, seid ihr dabei. Speziell war dieses Jahr, dass ihr nicht nur ausgezeichnet worden seid, sondern dass Euch der Art Directors Club New York als erste Schweizer in die Jury geholt hat.

andreas netthoevel: In New York wird die Jury alljährlich neu zusammengestellt. In unserer graphic-design-Gruppe waren 9 Amerikaner, 1 Japaner, 1 Holländer und 1 Engländer. Insgesamt wurden 15 000 Arbeiten in den Sparten Werbung, Neue Medien und Grafikdesign bewertet.
bt: Letztes Jahr habt ihr relativ viel gewonnen. Ich denke da unter anderem an den Ausstellungskatalog «alphabet!» der Schweizerischen Landesbibliothek. Zudem wurdet ihr an der Preisverleihung als «Best of Show 1996» nominiert. Wahrscheinlich war das auch mit ein Grund, euch in die Jury zu holen?
netthoevel: Das hat schon mitgespielt. Unsere Eingaben wurden seit 1991 regelmässig ausgezeichnet.
bt: Eine solche Jurierung muss unglaublich arbeitsintensiv sein, wenn man an die mehreren tausend Arbeiten denkt, die es in nur drei Tagen zu sichten und zu bewerten gilt.
netthoevel: Die Annual Reports, Corporate Designs, Editorials, Covers, Illustrationen, Plakate, Fotos, Videos, Cds, und filmische Special Effects schichten sich fast unendlich auf zwölf Meter langen Tischen. Im ersten Durchgang wird grob durchgekämmt und was nicht auf Anhieb überzeugt durch Mehrheitsbeschluss ausgeschieden.
gaberthüel: Man versucht so schnell wie möglich das Thema zu erfassen und zu schauen, ob es für das Zielpublikum und für das Produkt optimal umgesetzt ist. Das ist oft schwierig, weil du im Normalfall nicht einmal den Auftraggeber kennst, für den ein Produkt visualisiert worden ist. Gegensätze wie eine MTV-Broschüre oder ein Bericht der American Cancer Foundation musst du als eigenständige Produkte ansehen können, unabhängig auch von deinem persönlichen Geschmack.
bt: Wahrscheinlich beurteilen Amerikaner anders?
martin gaberthüel: Man könnte sagen, dass aufwendige, effektvolle Gestaltungen, auch wenn sie wenig Sinn machen und übertrieben erscheinen, die amerikanische Jury beeindruckt hat.
bt: Die Bieler Kulturlandschaft ist wesentlich durch eure Gestaltungen geprägt. Was bedeutet euch dieses Kulturengagement?
netthoevel: Spass, Herausforderung und Abwechslung.
BT: Und Geld.
gaberthüel: Finanziell lukrativ können diese Aufträge nicht sein. Es geht darum, aus vorhandenen Mitteln das Optimale herauszuholen.
bt: Dank euch sind die Erscheinungsbilder von der Konservatoriumsmusikgesellschaft KMB, den Kulturtätern, dem ensemb!e-Theater auch in New York bekannt. Wie steht es mit dem Standort Biel?
netthoevel: Grob kann man sagen, dass sich die Werbung in der Schweiz in Zürich abspielt. Aber auch in Biel ist ein Auftragspotenzial vorhanden. Das Problem ist, dass hier vielfach die konsequente Haltung und die Qualität aus verschiedensten Gründen nicht gefragt sind.
bt: Und trotzdem könnt ihr euch immer durchsetzen.
netthoevel: Mein Enthusiasmus, den ich beim Gestalten entwickle, spüren die Kunden und Auftraggeber auch bei der Präsentation.
gaberthüel: Wir versuchen, die Leute zu führen, ihnen unseren Standpunkt zu erklären und Argumente dafür zu liefern, warum wir etwas so und nicht anders machen. Wir sind nicht Befehlsempfänger.
bt: Eure Visualisationen sind schnörkellos, unkonventionell und faszinieren durch die Verschmelzung von Originalität, ästhetik und Funktionalität. Und trotzdem kann man nicht von einem «2. stock süd» Stil sprechen.
netthoevel: Der Stil ist bei uns die Methode, Inhalte so zu kommunizieren, dass die Botschaft im Mittelpunkt steht. Die Gestaltung ist wichtig, jedoch der Aufgabe untergeordnet. Die Inspiration kommt, grundsätzlich übers Produkt.
bt: Es fordert mit Sicherheit viel Kraft, Leute, von etwas Neuem, Ungewohntem zu überzeugen. Und dass alles was schöner daherkommt, gleich mit teuer übersetzt wird, macht es auch nicht einfacher.
netthoevel: Man getraut sich scheinbar nicht über visuelle Konzepte zu sprechen und über neue Möglichkeiten, die man nutzt, weil man Angst vor der Reaktion der Leute hat. Manchmal habe ich das Gefühl, Gestaltung werde als etwas Unanständiges oder Elitäres wahrgenommen. Dabei geht es uns um eine klare und intelligente Umsetzung von Inhalten. Und dass ein gut gestaltetes Produkt, wenn man die Produktionsabläufe geschickt nutzt, nicht teurer sein muss, haben wir gerade für kulturelle Arbeiten immer wieder beweisen können.
bt: Könntet ihr euch vorstellen in einer anderen Stadt zu arbeiten?
netthoevel: Diese Flexibilität sollte man, glaube ich, immer haben. New York schätzen wir, weil dort die Risikokultur grösser ist und wir dort mit unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten eine Chance sehen würden.
gaberthüel: Ob das dann in der Realität auch so wäre, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

einen quader für den design-preis
bis heute wurde der 2. stock süd mehrfach national und international ausgezeichnet. Dieses Jahr haben gleich zwei Arbeiten aus dem Bieler Gestaltungsbetrieb überzeugt. Der Art Directors Club New York vergab je einen «Merit Award» für die Gesamtgestaltung aller Programme des ensemble-Theaters der Regionen Biel-Solothurn und die CD-Hülle/Booklet «deep sea kiss» der aus Bern stammenden Rockgruppe noble weed. Zusätzlich dürfen sich Andreas Netthoevel und Martin Gaberthüel über die Auszeichnung des Type Directors Club New York freuen, welcher das komplette Theater-Erscheinungsbild (corporate design) mit einem «Certificate of Typographic excellent» auszeichnete und über den Art Directors Club Schweiz, welcher die ensemb!e-Arbeit mit einer «lobenden Erwähnung» honorierte. Einer der neuesten Aufträge umfasst das Erscheinungsbild und die Trophäe in Quaderform für den Design-Preis Schweiz, der im November 1997 verliehen wird.

interview: béatrice schmidt «bieler tagblatt»