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hochparterre
Als der Grafiker Andreas Netthoevel die grosszügigen Atelierräume
in der Gurzelenstrasse 7 in Biel sah, wurde er nicht nur sesshaft, selbständig
und erfolgreich, sondern er und sein Mitstreiter Martin Gaberthüel
nannten sich sogar nach den Räumen, die so vieles ausgelöst
hatten: 2. Stock Süd.
«Das Joor isch grad chli extrem gsi», bemerkt Andreas Netthoevel,
als er mir sein Curriculum mit Arbeiten und Auszeichnungen über
den Tisch hinzuschiebt. Und in der Tat: 1996 hat es für das Grafikatelier
2. Stock Süd in Biel Preise geschneit, dass es eine Freude ist.
Mehrfach in der Schweiz und vor allem in New York ausgezeichnetes Objekt
ist der Katalog «alphabet!» zum 100-Jahr-Jubiläum der
Schweizerischen Landesbibliothek in Bern (HP 9/95).
Noch immer schwingt leichtes Erstaunen in Netthoevels Stimme mit, wenn
er sich seine Erfolge vor Augen führt. Dabei hat es mit der Anerkennung
von Anfang an geklappt, als der gelernte Grafiker und Fotograf 1990
beschloss, die grossen hellen Räume an der Gurzelenstrasse zu mieten.
Netthoevels Werdegang ist ein schönes Lehrstück dafür,
dass es sich lohnt, seinen eigenen Weg zu verfolgen. Solange er für
andere arbeitete, war es immer ein wenig ein Sichzwingen. Bei der Werbeagentur
Amrein-Pieren in Bern arbeitete er für ein Jahr, dann als Gestalter
bei «Vogue» in München, wieder in Bern als Grafiker
im Laboratorium für Gestaltung. Die Wanderjahre waren gut und recht,
aber entschieden für die Grafik hat sich Netthoevel erst so richtig,
als er im eigenen Atelier stand und merkte, dass jetzt alles von ihm
abhing.
der weg zum zweierkollektiv
Fast organisch hat sich die Zusammenarbeit mit dem Berner Grafiker Martin
Gaberthüel entwickelt. Die beiden lernten sich zu Beginn ihrer
Grafikausbildung in Biel kennen und haben in den Jahren danach, während
denen Gaberthüel unter anderem bei Jean Widmer von Visuel Design
in Paris arbeitete, den Kontakt nie ganz verloren. Schliesslich begann
Gaberthüel ab 1992 parallel zu seiner Arbeit als Art Director bei
Seiler DDB Needham Atelier Jaquet in Bern jeweils am Wochenende nach
Biel zu fahren und dem Kollegen Netthoevel, der ohne Freizeit noch Ferien
vor sich hin schuftete, zu helfen. Seit einem Jahr nun arbeiten Netthoevel
& Gaberthüel offiziell als Kollektivgesellschaft unter dem Namen
2. Stock Süd zusammen. Der Gestaltungsbetrieb, wie sie ihr Atelier
nennen, hat unter mangelnden Aufträgen nicht zu leiden. Allerdings
wird man im Kulturbereich, für den der 2. Stock Süd ausschliesslich
arbeitet, nicht so schnell reich. Viel Arbeit und Ehre für mittelmässig
viel Geld. Aber die beiden Grafiker sind zufrieden mit ihrer Arbeit,
die ihnen viel Spielraum lässt, eigene Ideen zu entwickeln.
die bestechende idee
Als Beispiel sei das Plakatkonzept für die Konzert- und Musikgesellschaft
Biel genannt der erste Auftrag, den Netthoevel als Selbständiger
ausführte und der ihm schon damals einen Preis des ADC Schweiz
und New York einbrachte. Basiselement für Plakat, Programme und
Eintrittskarten ist ein expressives Grundmuster, bestehend aus handgezeichneten
Partituren, die mehrfach übereinander kopiert wurden. Das Muster
wird jedes Jahr, wenn das neue Konzertprogramm herauskommt, in anderen
Farben wiederverwendet - eine bestechend einfache Idee, die sich erst
noch bereits im zweiten Jahr zu «amortisieren» beginnt.
«Was uns am Herzen liegt, was wichtig und absolut primär
ist das ist die Idee», betont Netthoevel. «Die Idee
muss für sich allein stehen können, die Gestaltung ist für
mich persönlich sekundär.» Und tatsächlich weisen
die Arbeiten des 2. Stock Süd gerne über reine Grafik hinaus
in Richtung kleiner, origineller Objekte: Der Katalog «alphabet!»
ist ein Buch und gleichzeitig ein Riesenleporello; das Plakat für
die Firma raum-design lässt sich zur Einladungskarte falten, und
zwar so, dass eine Registerfaltung entsteht, unter deren Stichworte
man sich über die verschiedenen Ausstellungen kundig machen kann;
die weiss10e Broschüre für das Photoforum PasquArt hat einen
Einband aus Fotopapier und «errötet» deshalb auf wundersame
Weise, wenn man sie dem Licht aussetzt. Auch sprachlich haben die beiden
immer wieder überraschende Einfälle. So textete Netthoevel
für ein Kunst-im-Büro-Objekt für die Uhrenfirma Omega
die Sprüche «Le temps c'est moi» und «C'est le
temps qui fait la vie»; für einen Bieler Kulturveranstalter
spielte er (vor der «Cash»-Werbung) mit dem Namen des MicrosoftBosses
(«bill, geits?»); und für ein Schneideratelier erfand
er eine charmante Kürzesterotikgeschichte über eine Nadel
und einen Faden
design preis schweiz
Einer der neusten Aufträge umfasst das Erscheinungsbild für
den Design Preis Schweiz, der im November 1997 verliehen wird. Das gestalterische
Grundelement für die Ausschreibung (in diesem HP beigelegt), für
das Plakat, die Einladungskarten Programme und Pressemappen besteht aus
einem Trophäen-Reigen aus Oskar, Bambi, Tennis-, Ski-, Fussballpokale,
Goldene Rose, Berliner Bär, ADC-Würfel, Plagiarius etc. «Alle
diese Scheusslichkeiten versammelt zu sehen, finde ich spannend, gerade
im Zusammenhang mit dem Design Preis», bemerkt Netthoevel. Bewusst
werden die grausligen Dinger konträr zur Erwartung der (meisten)
Leute eingesetzt, die den Design Preis mit «schönem Design»
gleichsetzen. Folgerichtig hat der 2. Stock Süd auch den Design Preis
selbst neu entworfen; es wird ein Quader sein, der aus vielen verschiedenen
Materialien wie Glas, Metall, Holz, Kork, Gummi, PVC etc. geschichtet
ist. Die neudesignte Trophäe sollte nicht wie es die meisten
Preise tun losgelöst vom Thema irgendeine Figur aus irgendeinem
glänzenden Material sein, sondern den Bezug zu den konkreten Materialien,
mit denen Designer arbeiten, in Erinnerung rufen.
Brigitte Blöchlinger
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