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theaterzeitung
aus: zeitung des ensemble! theater der regionen biel-solothurn, ausgabe
september/oktober 1997
die entführung aus dem üblichen
seit der saison 1996/97 hat das ensemb!e Theater der Regionen Biel/Bienne
Solothurn nicht nur einen neuen Namen, sondern im Zuge der Neustrukturierung
auch ein neues, umfassendes Erscheinungsbild erhalten, das in der Saison
1997/98 mit der Gestaltung weiterer Drucksachen abgerundet wird. In
Händen halten Sie Ihre neue Theaterzeitung, die, wie die meisten
anderen Imprimate Ihres ensemb!e Theater der Regionen auch, vom 2. stock
süd gestaltet wurde. Diese Gelegenheit wollen wir nutzen, Ihnen
die Menschen hinter dem Produkt und ihre Gedanken dazu vorzustellen.
Der grafische Betrieb 2. stock süd wurde 1990 vom Bieler Andréas
Netthoevel (Jahrgang 1963) an der Gurzelenstrasse gegründet. 1995
kam Martin Gaberthüel (auch Jahrgang 1963) aus Bern als Partner
dazu. Der 2-Mann-Betrieb besticht beim ersten Hinsehen zunächst
durch seinen internationalen Ruf und eine Liste von Auszeichnungen,
die sich wie eine Aufzählung der renommiertesten Wettbewerbe auf
dem Gebiet des Grafik-Designs liest. Der Kundenkreis des 2. stock süd
setzt sich ebenfalls aus etlichen namhaften Auftraggebern privater wie
öffentlicher Hand zusammen. Um nur die wichtigsten zu nennen, gehören
die KMB und die OGB, die Schweizerische Landesbibliothek, das Bundesamt
für Statistik und einige Architekten zu ihren Auftraggebern. Auch
die Organisation des Design-Preis Schweiz vertraut bei der Gestaltung
ihres Auftrittes für 1997 auf das bewährte Team Netthoevel
& Gaberthüel. Den Ausschlag für das ensemb!e Theater der
Regionen, mit dem 2. stock süd zusammenzuarbeiten, hat allerdings
eine Ausschreibung gegeben, in der ein paar Gestalter aufgefordert wurden,
ein Konzept für das Erscheinungsbild des Städtebundtheaters
vorzustellen. Das Konzept des 2. stock süd stellt eine gelungene
Synthese aus modernen Stilelementen dar, die so behutsam ausgewählt
und entworfen wurden, dass sie nicht der Erosion einer schnelllebigen
Zeit anheimfallen, sondern lange bestehen können. Honoriert wurde
diese Vorgehensweise in diesem Frühjahr vom schweizerischen Art
Directors Club und dem Type Directors Club New York, welche beide das
neue Erscheinungsbild (Logotype, das daraus entstehende Signet und deren
Anwendungen) ausgezeichnet haben. Zusätzlich wurden vom Art Directors
Club New York die Programmhefte (juriert wurden ca 15.000 Arbeiten aus
der ganzen Welt) geehrt. Im folgenden beantworten die beiden Grafiker
ein paar Fragen zu den Punkten Arbeitsweise, Sponsoring und auch Kultur
und Grafik-Design.
ensemb!e: zunächst herzliche gratulation zu ihren diesjährigen
erfolgen bei den diversen nationalen und internationalen grafik-design
wettbewerben, welche ihr mit dem neuen erscheinungsbild des theaters erzielt
habt. was mag den ausschlag für diese ehrungen gegeben haben?
2. stock süd: Da müsste man wohl am besten die Jury fragen!
(Schmunzeln Netthoevel & Gaberthüel sassen in diesem Jahr
als erste Schweizer in der Jury des Art Director Club New York
natürlich ohne Stimmrecht für die eigenen Arbeiten). Nein, Spass
beiseite! Wir denken, dass die Gestaltung des Schriftzuges sehr eigenständig,
d.h. nicht auswechselbar ist. Dass sich aus diesem Logo dann noch ein
Signet herauskristallisieren lässt, welches als Zeichen klar wirkt,
verstärkt natürlich die Prägnanz dieser an sich feinen
typografischen Komposition, welche den Inhalt des Namens auf einfachste
Weise kommuniziert. Weiter schaffen wir mit dem unendlichen Zusammmenfügen
des Logos/Signetes die Möglichkeit eines Endloshintergrundes, welcher
die Botschaft des Namens «ensemb!e» nochmals vertieft. Durch
das Vordrucken aller wichtigen «Druckbogen» (Briefpapier,
Kuverts, Programmumschläge, etc.) können wir jedes Jahr, ein
dem Theater eigenes Papier schaffen, auf welchem jeweils nur noch der
Inhalt eingedruckt werden muss. So erhalten wir einen von Anfang an klaren
Rahmen für das Corporate Design. Edel und trotzdem kostengünstig.
Diese komplexe Denkweise und die gleichwohl ästhetische Anmutung
des neuen Theater-Zeichens wird wohl den Ausschlag für seinen Erfolg
gegeben haben.
ensemb!e: und was schätzte man in new york an den stückprogrammen?
2. stock süd: Mit den Abendprogrammen bewegen wir uns natürlich
im möglichen Rahmen des gesamten Erscheinungsbildes. D.h. wir benutzen
die Vordrucke des ensemb!e-Hintergrundes als Umschlag. Das alleine würde
das Wiedererkennen und die Familienzugehörigkeit dieser Programme
schon kommunizieren. Mit dem konsequenten Einsatz der «Hausschriften»,
einem Farbkonzept (Schauspiel/Blau, Oper/Bordeaux) und einem klaren
Satzspiegel machen wir das ganze zu einer Einheit. Dass die Titel der
Programmhefte jeweils auf der Rückseite des Heftcovers beginnen
und sich über den Bund auf die erste Umschlagseite lesen lassen
ist eher ungewöhnlich und gibt dem Ganzen etwas Bewegliches und
Unverwechselbares. Trotz des klaren Rasters haben wir ein Konzept entwickelt,
welches sehr viele Möglichkeiten zur Gestaltung offen lässt.
So sind in den Programmheften jeweils Zitate zu typografischen Bildern
interpretiert, welche wir zusätzlich noch für die Kleinplakate,
die Tischsets und ab dieser Saison noch für Postkarten verwenden.
Auch hier nutzen wir Synergien, um mit möglichst wenig Aufwand
eine möglichst grosse Verbreitung zu erzielen. Eine solche Arbeitsweise
fordert natürlich eine umfassende Untersuchung der Anforderungen
und findet ihren Höhepunkt in einem sehr umfangreichen Denkprozess.
Dieser gewährleistet dann aber eine einwandfreie Kongruenz der
diversen Drucksachen untereinander und ermöglicht es, bei der Realisation
der Programmhefte einen Grossteil des Aufwandes bei den Zitaten zu betreiben.
Diese können als das Herzstück der Hefte betrachtet werden,
als frischer Sauerstoff für die Erscheinung des Layoutes. Unsere
unkonventionelle Art, mit dieser umfangreichen Materie umzugehen, wurde
in New York wahrgenommen.
ensemb!e: Und in der region biel-solothurn?
2. stock süd: Wir gehen bei unserem Tun immer von der Zielgruppe
aus. In diesem Falle denken wir, dass es sich um ein denkendes Publikum
handelt, welches nicht nur von links nach rechts lesen möchte, weil
man das so gewohnt ist. D.h. wir geben den Zuschauern mit Begeisterung
das, was wir uns vorstellen, dass sie es spannend finden könnten.
Wir denken, dass sich das Theaterpublikum aus der alltäglichen in
neue Welten entführen lassen möchte. Auf eine Reise ins Ungewisse
manchmal. Und der spannendste Weg ans Ziel ist der Umweg. So geht es uns
beim Gestalten und diese Offenheit denken wir, ist auch beim Theaterpublikum
vorhanden. Auch wenn es manchmal nicht ganz einfach ist, unsere Zitatbilder
zu entschlüsseln, hoffen wir, dass es für die Leserinnen und
Leser eine spannende Herausforderung darstellt. Als Verfechter von klarer
Kommunikation sind wir der Auffassung, dass kurze Texte sehr wohl auch
mal visuell interpretiert werden sollen. Dass wir nicht eine ganze Zeitung
so gestalten würden, ist selbstverständlich.
ensemb!e: wie gehen sie an eine gestaltung heran?
2. stock süd: Für uns ergibt sich im Falle des Theaters das
Produkt aus den Bestandteilen, die uns geliefert werden. Ein anschauliches
Beispiel ist das vorhin erwähnte Stückprogramm, das durch
seine enge Verknüpfung mit dem Inhalt des Stückes, von seinen
Bestandteilen her den wesentlichsten Bereich des Theaters betrifft,
die Aufführung. Wir erhalten das Text- und Bildmaterial für
das Programmheft von der Dramaturgie. Dieses ist in der Regel so ausgewählt,
dass sich die Vorstellungsgäste bei der Lektüre assoziativ
auf die Vorstellung einlassen und geistig einstimmen können. Unsere
Aufgabe ist es, die inhaltliche Botschaft in angemessener Weise optisch
aufzubereiten, um die assoziative Wirkung des Textes der Dramaturgie
einerseits zu unterstützen und anderseits zu gewährleisten,
dass sich im jeweiligen Programmheft der Gesamtzusammenhang mit dem
ensemb!e Theater der Regionen und seinen sonstigen Druckerzeugnissen
widerspiegelt.
ensemb!e: wie kam es zu Ihrer entscheidung das ensemb!e theater der regionen
als sponsor zu unterstützen?
2. stock süd: Kultur ist uns ein Anliegen und Grundbedürfnis.
Wir sind beide begeisterte Konzert- und Theaterbesucher und freuen uns
immer wieder über das hohe kulturelle Niveau, das Biel trotz der
schwierigen Wirtschaftslage bieten kann. Das ist ein Grund für uns
gewesen, auch einen Beitrag beizusteuern. Der zweite Aspekt ist die Art
der Aufgabe als solche, die uns gereizt hat. Das Erscheinungsbild eines
Theaters ist ein nicht alltäglicher Auftrag und verlangt geradezu
nach nicht Alltäglichem. Er erfordert eine neue Auseinandersetzung
mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, um die Inhalte des
Auftraggebers zu transportieren. Diese Art Neuland zu betreten reizt uns
immer wieder. Natürlich stehen dabei die Freude an der Arbeit und
das Sammeln neuer Erfahrungen im Vordergrund. Dadurch ist es uns möglich,
die ökonomische Seite eines solchen Auftrages hintanzustellen. (Der
2. stock süd realisiert die Aufträge des ensemb!e Theaters der
Regionen zu einem Bruchteil der eigentlich üblichen Auftragssumme.
Anm. der Redaktion) Der letzte und wichtigste Aspekt ist aber,
dass es uns ein Anliegen ist, gewisse Werte aufrecht zu erhalten. So denken
wir, dass Gestaltung und die Freude an besonderen Dingen eine gewisse
Lebensqualität bedeutet. Dafür geben wir gerne ein Stück
unserer Freizeit. Denn Viertelnachachtgeschichten gibt es mehr als genug.
ensemb!e: was war ihnen bei der neuen zeitung wichtig?
2. stock süd: Erstmals war es uns ein Anliegen, aus einer Zeitung
eine Zeitung zu machen. D.h. eine Drucksache mit dem Format einer Zeitung.
Dies hat neben dem Erscheinungsbild noch weitere Vorteile. Dadurch ist
es jetzt möglich, den Spielplan der beiden Städte so zu gestalten,
dass dieser wesentlich besser gelesen werden kann. Weiter können
von Inserenten dieselben Inserate geschaltet werden, welche sie auch für
die Tageszeitung verwenden, was für den Inserenten ökonomischer
ist. Dazu kommt, wenn auch nicht als ausschlaggebender Punkt, dass die
Produktion in dieser jetzt vorliegenden Form trotz unserer neu
dazugekommenen Gestaltungsarbeit günstiger herstellbar ist
als das vorangehende Imprimat. Als letztes war uns der Gedanke wichtig,
der Theaterzeitung eine Gestalt zu geben, die zum gesamten Erscheinungsbild
des Theaters passt, modern und zeitgemäss ist, sich dabei aber keiner
modischen oder effekthaschenden Mittel bedient und deshalb geraume Zeit
als Informationsmedium für die Abonnenten und interessierten Besucher
Gültigkeit behalten soll.
interview: markus oswald
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