werbewoche
wir haben eine methode und keinen
stil
Andréas Netthoevel und Martin Gaberthüel vom 2.Stock Süd
in Biel über ihren anhaltenden Erfolg beim ADC of New York Seit
seiner Gründung 1990 ist der Gestaltungsbetrieb 2. Stock Süd,
Biel, noch an keiner Preisverleihung des ADC New York leer ausgegangen.
1996 reichte es sogar zur Best-of-show-Nomination in der Kategorie
Design. Am diesjährigen Wettbewerb wirkten Andréas Netthoevel
und Martin Gaberthüel in der Jury mit. Auch der Mitgliedschaft
im renommierten New Yorker Art Directors Club steht eigentlich nichts
mehr im Wege. Anders in der Schweiz: Der hiesige ADC befand die Bieler
nicht für aufnahmewürdig. Nemo profeta in patria? Das Gestalterduo
im Gespräch mit der Werbewoche.
werbewoche: Mit Ihren Arbeiten für meist lokale Kunden haben
Sie beim international renommierten ADC New York schon jede Menge
Preise geholt. Wie geht das zusammen, Biel und die Werbemetropole
New York?
andréas netthoevel: Wie es zu unserem Erfolg gekommen ist,
habe ich mich auch schon gefragt. Ich glaube, es liegt an der Art,
wie wir arbeiten. Für uns steht das Konzept am Anfang, und erst
dann kommt die eigentliche Gestaltung. Ein gutes Beispiel ist vielleicht
der Katalog für die Schweizerische Landesbibliothek, der zugleich
Buch und ein 16 Meter langer Riesenleporello mit dem Panoramafoto
eines Büchergestells ist.
martin gaberthüel: Wir arbeiten nicht nur für lokale Kunden,
sondern auch für Kunden mit kleinen Etats. Wenn man nur schmale
Budgets zur Verfügung hat, muss man auch produktionstechnisch
länger und besser überlegen, was damit gemacht werden kann.
Gerade Einschränkungen führen aber meist zu originellen
Ideen.
ww: und dies weiss der new yorker adc zu schätzen?
an: Von Vorteil für uns ist sicher auch die Tatsache, dass in
New York derart viele Arbeiten eingesandt werden, dass die Jury gar
nicht wissen kann, wer dahintersteckt. Zudem jurieren jedes Jahr andere
Leute. Ein Unbekannter hat also wirklich die gleichen Chancen wie
eine bestandene Grösse. Die Anonymität des Wettbewerbs macht
ihn sehr viel fachlicher, ausgezeichnet werden Arbeiten, nicht Namen.
Beim Schweizer ADC wissen hingegen alle, wer was gemacht hat.
ww: ist das auch der grund, weshalb Sie nicht in den adc der schweiz
aufgenommen wurden, während Sie vom adc new york aufgefordert
worden sind, Ihre mitgliedschaft zu beantragen?
an: Ich glaube tatsächlich, dass es dem Schweizer ADC mehr um
persönliche Beziehungspflege geht als um die Förderung besonders
kreativer Leistungen. Wir haben jedenfalls festgestellt, dass unsere
Bewerbung gar nicht richtig angeschaut worden war. Die Couverts mit
unseren Arbeiten waren zum Teil noch verschlossen, als wir sie zurückerhielten.
mg: Da fragt man sich natürlich schon, wie so etwas geschehen
kann. Und irgendwie scheinen sich, zumindest in unserem Fall, alle
Vorurteile, die man über den ADC hört, bewahrheitet zu haben.
an: Aber eigentlich ist uns das Thema ADC Schweiz nicht wichtig genug,
um jetzt hier lange darüber debattieren zu wollen. Wir interessieren
uns genauso viel für den Schweizer ADC, wie er sich für
uns interessiert.
ww: was haben Ihnen die vielen auszeichnungen konkret gebracht?
an: Im allgemeinen hat unser Gestaltungsbetrieb durch die Preise ganz
bestimmt an Renomée gewonnen. Namhafte Kunden haben sich hingegen
nur wenige gemeldet. Unsere Erfolge wurden ja ausserhalb der Fachpresse,
Biel natürlich ausgenommen, gar nicht publik. Tatsächlich
waren aber schon Top-Manager aus der Uhrenindustrie bei uns zu Gast.
Diese verschwanden aber schnell wieder, als sie sahen, dass wir einen
Atelierbetrieb und keine auf Hochglanz polierte Agentur mit Empfang
und Werbeassis sind. Offenbar traut man zwei Gestaltern nicht zu,
dass sie auch für grössere Kunden tätig sein können.
Sie übersehen dabei aber einen wesentlichen Faktor, nämlich
den des Denkprozesses innerhalb eines Auftrages. Der ist überall
gleich wichtig, ob Grossagentur oder Kleinstbetrieb. In Amerika ist
schon länger der Trend zu beobachten, dass Unternehmen punktuell
mit verschiedenen externen Kreativzellen zusammenarbeiten, anstatt
sich auf eine Grossagentur einzulassen.
ww: sie arbeiten hauptsächlich für kulturelle auftraggeber,
haben Sie etwa etwas gegen die privatwirtschaft?
mg: Nein, auf keinen Fall. Aber bisher fehlte uns schlechtweg die
Zeit, um uns Offensiv um die Akquisition von Neukunden zu kümmern.
Andererseits, wer weiss, vielleicht sollten wir es trotzdem vermehrt
tun, sonst laufen wir Gefahr, stehenzubleiben. Was aber nicht heisst,
dass wir mit unseren Kunden unzufrieden sind.
ww: überall ist die rede von shareholder value. haben Sie nicht
auch das gefühl, dass sich die einseitig ökonomische betrachtungsweise
auf die gestaltung negativ auswirkt?
mg: Unsere Kunden haben eigentlich alle chronisch zuwenig Geld, und
wir versuchen trotzdem, das Maximum herauszuholen. Von dem her gesehen
erübrigt sich diese Frage für uns. Gute Arbeit ist meiner
Meinung nach keine Frage der Budgethöhe, sondern des Engagements.
an: Ich finde es umgekehrt schade, wenn Firmen, die offensichtlich
Geld haben, konformistisch auftreten und sich der Aufforderung, Neues
zu schaffen, nicht stellen, wie etwa Novartis, UBS und Credit Suisse.
Viel halte ich indes von Benetton. Als Herausgeber des bahnbrechende
Magazins Colors zeigt der italienische Textilhersteller, dass es für
ihn noch andere als rein ökonomische Werte im Leben gibt.
ww: gerade die von Ihnen zitierten beispiele sind ja auch eine ohrfeige
für die schweizer grafik, welche einst weltruf genoss. Sie waren
in new york, wie steht es ihrer meinung nach um das image der gestaltung
swiss made?
an: Der gute Ruf ist tatsächlich etwas am Abbröckeln. Trotzdem
kann die Schweiz immer noch vom alten Ruhm zehren. Auch wir konnten
davon profitieren. Mein Schweizer Pass war vielleicht mit ein Grund,
dass ich bei Vogue in Deutschland eine Anstellung fand. Und im internationalen
Vergleich gehört der Durchschnitt der Schweizer Imprimate punkto
Grafik sicher zu den besseren.
ww: die grafik hierzulande zeichnet sich ja durch einen nüchternen
stil aus. im trend ist aber gerade das gegenteil. ist carsonismus
auch für Sie ein reizwort?
mg: Ich finde dieses Schwarzweiss denken falsch. Einiges von dem,
was Carson gemacht hat, ist meiner Meinung nach Spitze, anderes wiederum
konzeptionell schmalbrüstig. Wir wollen uns in diesem Streit
für und wider Carson gar nicht positionieren. Jeder Auftrag beinhaltet
einen eigenen Gedankenprozess, der über das rein Gestalterische
hinausgeht. Ich glaube, wir haben in erster Linie eine Methode und
nicht einen bestimmten grafischen Stil.
ww: und worin besteht diese methode konkret?
an: Wir stecken einfach das ganze Feld des Auftrages ab. Dann überlegen
wir uns, was miteinander verbunden werden muss und was zusätzlich
entstehen könnte, ohne weitere Kosten zu verursachen. Auf diese
Weise entwickelten wir beispielsweise für das Ensemble! Theater
der Regionen Biel-Solothurn nicht nur das Logo und die Briefschaften,
sondern auch gleich die Plakate, Tischsets und die Programmhefte.
ww: mit dem internet scheinen Sie sich bisher nicht beschäftigt
zu haben. handelt es sich hierbei um eine grundsätzliche skepsis?
an: Nein, auf keinen Fall. Auch dafür hatten wir bisher schlicht
keine Zeit. Doch seit zwei Monaten verfügen wir über einen
Internet-Anschluss und sehen uns auf dem Web ein bisschen um. Es gibt
erst wenige wirklich gute Sachen. Allerdings sind auch die Gestaltungsmöglichkeiten
auf dem Internet sehr bescheiden. Alles ist enger und noch zu sehr
von den technischen Möglichkeiten abhängig. Trotzdem ist
die Entwicklung der neuen Medien für uns äusserst spannend
und als Herausforderung sehr interessant.
Interview: Thomas Brenzikofer